Motorrad fahren in der Gruppe…

Motorradfahrer sind Individualisten, sagt man…

Manchmal treffen sich aber viele Individualisten und leben ihren Individualismus gemeinsam.
Solche Gruppen können simpel aus zwei Personen bestehen – Aber ganz fix auch mal 20, 30 (oder gar 70 und mehr…) Teilnehmer ausmachen.

Beim fahren in der Gruppe ist man im Prinzip sehr frei! Allerdings gibt es da einen stapel “ungeschriebene Gesetze”, welche i.d.R. in keinem Handbuch für´s Motorrad-Tourismus steheh. Sie werden quasi durch Erklärungen „vis-a-vis“ weitergegeben (Oder halt bei notorischem nichtbegreifen auch schon mal “Eingehämmert”…)
Damit Du frei von unerwünschten Impressionen bleibst, habe ich hier mal das meiste ungeschriebene – na, ich hab´s halt aufgeschrieben (OK, jetzt steht es ja doch in einem Ratgeber *ggg*)

Diese Regeln haben – Auch wenn du sie nicht verstehen solltest oder einen Sinn darin finden magst – einen Sinn! Sie ergeben einen guten Kompromiss zwischen Top-Speed in der Gruppe und notwendiger Sicherheit – Haben wir doch alle unseren liebsten versprochen,  gesund und in EINEM Stück nach hause zu kommen…
Damit haben wir also genug Grund, um in dieses – eigentlich recht trockene Thema – etwas genauer hinein zu schnuppern… Also, here we go!

Aufstellung, Reihenfolge:
Grundsätzlich gilt: mindestens einer in der Gruppe sollte sich vor Fahrtbeginn Gedanken über eine ungefähre Route gemacht haben.
Bei mehrtägigen Touren ist es Unerlässlich auch Übernachtungsmöglichkeiten zu organisieren.

Dieser eine ist meist auch der Biker mit der meisten Tourenerfahrung. Solche Erfahrung soll belohnt werden, und so setzt man diesen mitsamt Karte (Neuzeitlich: Mitsamt Navi!) an die Spitze des Rudels.

An zweiter Stelle folgt der “schwächste Fahrer” mit der “kleinsten” Maschine. Von vorn nach hinten sollte die Leistung der Maschinen im Idealfall weiter zu nehmen, um die Streckung der Gruppe beim Anfahren möglichst gering zu halten…

Bei der Bewertung der Fahrer sollte man auch beachten, ob jemand Saison- oder Ganzjahresfahrer ist.
Auch, wenn es keiner hören oder zugeben mag – Saisonfahrer haben zum offiziellen Jahresbeginn (gern der 1. März oder 1.April) vermehrt „Startschwierigkeiten“, da die Eingewöhnungsphase in die aktuelle Saison immer etwas Zeit beansprucht, welche Ganzjahresfahrer da zumeist schon absolviert haben…

Die letzte Maschine im Tross ist der “Lumpensammler“. Er passt ein wenig auf, dass niemand aus der Gruppe zurückfällt, oder gar den Anschluss verliert. Dieser sollte vom „Gruppenführer, Road Captain (oder halt von dem, der die Tour geplant hat…) besonders instruiert werden, damit er im speziellen die eingesammelten „Lumpen“ sicher zurück zum Tross geleiten kann…

Weiter hinten in der Gruppe braucht es die etwas erfahreneren Piloten, da sie (wegen der Streckung der Gruppe) beim anfahren an Ampeln, Kreuzungen etc. recht spät weg kommen und öfters mal diverse „Fremdfahrzeuge“ zwischen sich und der Gruppe haben.
Um den Anschluss an die Gruppe zu halten, werden also häufiger mal schnellere Überholmanöver notwendig, welche gerade für Anfänger schnell zur Überforderung führen können…

In welcher Linie wird gefahren?
Normalerweise wird die Gruppe versetzt fahren, der Erste links in der Spur, der Zweite rechts, der Dritte links.. usw… Dies verkürzt die Kolonne und maximiert den Bremsweg zum Vordermann.

Es wird jedoch NIEMALS nebeneinander gefahren; jeder Fahrer muss zu jedem Zeitpunkt die ganze Spurbreite für Ausweichmanöver usw. zur Verfügung haben.

Lediglich bei Stopps stehen die Motorräder in Zweiergruppen mit den Vorderrädern nebeneinander. Dadurch wird der Start der Gruppe beschleunigt und der Verkehrsraum besser genutzt.
Auch kurze Infos an den Tourguide können so besser und schneller durchgereicht werden.

Auf kurvigen Landstraßen wird die versetzte Formation aufgegeben und Linie gefahren. Jeder fährt nun seine Ideallinie (jaja ich weiss: Ich hab geschrieben, die gibts nicht, aber hier gelten quasi “PKW-Gesetze” zur Ausnahme einmal…) damit die Kurvengeschwindigkeit aller Möppis maximiert werden kann.

Überholen:
Das leidige Thema: Verkehrsbremsen lauern überall – da hilft nur eines: Überholen!
Aber: Eine größere Gruppe an so einem Hindernis vorbei zu schleusen, ohne das sie auseinanderbricht – fast unmöglich! Gerade die Piloten weiter hinten in der Gruppe haben dann oft nur noch wenig (oder auch gar keinen) Platz für ein Überholmanöver mehr zur verfügung.
Im Extremfall hängt man also noch hinter irgend einer Dose (oder einem Rudel Radfahrer) fest, während weiter vorn schon das dritte, vierte, fünfte Fahrzeug überholt wird…

Hier arbeitet man jetzt mit zwei Gegebenheiten:
Die hinteren Maschinen haben mehr Dampf und sind schneller auf Tempo – Sie brauchen also nur verhältnismäßig kurze Überholzeiten, um das Problem zu lösen…

  1. Die vorderen Maschinen erkennen eventuellen Gegenverkehr schon lange, bevor er den hinteren Maschinen gefährlich werden kann – Diese kann der anführende (z.B. durch Handzeichen) weiter nach hinten an die Gruppe weitergeben, damit diese ihren Überholvorgang rechtzeitig abbrechen kann.

Wenn wir uns die Situation bei einer 4er-Gruppe ansehen, scheint die Lösung sehr einfach:

Die Gruppe fährt normalerweise versetzt. Der Frontmann überholt.
Er hat die nötige Erfahrung, um einen günstigen Zeitpunkt für den Überholvorgang festzusetzen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass der zweite Fahrer der schwächste im Team ist, also evtl. noch nie ein Fahrzeug zügig  überholt hat und vielleicht ängstlich mit dem Gas umgeht, einen zu hohen Gang benutzt, Angst vor der Beschleunigung hat….

Der dritte Fahrer hat nun schon deutlich weniger Platz, weil  die vorangegangen beiden möglicherweise zum Überholen schon viel von der übersichtlichen Strecke aufgebraucht haben. Er wird mit höherer Beschleunigung und höherem Tempo überholen müssen.

Der vierte Fahrer hat nun nur noch sehr wenige Meter zur Verfügung, wird mit einem sehr niedrigen Gang die volle Leistung seiner Maschine fordern und in kurzer Zeit auf einer Geschwindigkeit sein, die die der Gruppe um bestimmt um  50 bis 70% übersteigt.
Er kann sich nun nicht mehr so einfach in die Gruppe einordnen, weil sein Überschuss zu hoch und sein Bremsweg zu lang ist.

Verlängerter Einbremsweg

So bleibt nach dem Überholen noch Platz zum wieder einbremsen…

Die Gruppe löst das Problem, indem der Letzte nun äußerst rechts fährt, so dass der nachfolgende Überholer links an ihm vorbei einbremsen kann…. und sich anschließend nach rechts einordnet.

Bei einer größeren Gruppe wird die Situation jedoch ein wenig heikler, weil einfach irgendwann auch die letzten Zentimeter übersichtlicher Strecke verbraucht.. und die letzten Mopeds immer noch nicht aufgeschlossen sind.

In diesem Fall fährt der Anführer vorne weg und blinkt links, solange die Gegenfahrbahn frei ist. Dieses Zeichen ermöglicht jetzt den hinteren Fahrern selbst in unübersichtlichen Kurven zu überholen.

Blinkt der Führende rechts, werden alle Überholvorgänge sofort abgebrochen.

Pausen:
Pausen sind wichtig. Meist stündlich verlangen Raucher nach einer Zigarette, Hintern wollen vom Sattel und Rücken wollen gestreckt werden. Die Verantwortung für Wo und Wann der Pausen trägt der Führende.

Viele Pausen halten zwar die Gruppe bei Laune, man sollte aber immer bedenken, dass das gerade bei längeren Touren ins Gegenteil umschlagen kann: Eine 5-Minuten Raucherpause kostet meist 12-15 Minuten. Ein Tankstopp mit Toilettengang um die 20 Minuten.

Ein sehr “fürsorglicher” Frontmann kann damit eine Tagestour locker um bis zu 3 Stunden (!) verlängern. Resultat: Die Gruppe ist hinterher völlig fertig weil die Anzahl Gesamtstunden zu hoch war.

Besser ist es, einen Kompromiss zwischen gewohnten und notwendigen Zeiten zu suchen.
Bei ca. 250-300 km gehen die meisten Maschinen zur Tanke… Ergo ca. 3 Stunden. Ein Tankstopp inkl. Raucherpause dauert auch nur 20 Minuten. Was liegt also näher, als 90 Minuten fahren, Raucherpause, 90 Minuten fahren, Tankstopp mit Nikotin? Nichts liegt näher !

Der Abend:
Aus guter Erfahrung weiß man, wie nett und lustig die Abende meist zugehen. Wenn jeder jedem seinen Freiraum lässt, wird auch am späten Abend noch ein knochenlahmes geselliges Ründchen dort hocken, wo Essen und einige Biere im Überfluss lagern.

Die Unterkunft sollte man vorher schon ausgesucht und gebucht haben. Pensionen oder kleine Gaststätten sind erfahrungsgemäß Jugendherbergen und Campingplätzen vorzuziehen und unterm Strich auch nicht wesentlich teurer, wenn man alle Aufwendungen einrechnet.
Wer’s lieber abenteuerlich mag, sollte vor allem eins nicht vergessen: Riesige Packtaschen! 

Vor allem nach reichlich Alkoholgenuss sollte man strikt vermeiden, morgens schon zu fahren. Wenn es einem Gruppenmitglied nach einem zu schönen Abend einfach nicht gut geht, sollte man die Tagestour so legen, dass die Angeschlagenen zum Nachmittag an einem Treffpunkt dazustoßen können.
Es bringt nichts, benebelte Fahrer “mitzuschleifen”! Das geht mit Sicherheit schnell mal schief…..
Wetter:
Motorradfahren macht bei fast jedem Wetter Spaß, am schönsten ist es mit Sicherheit und unbestritten bei warmer Sonne. Warmer Asphalt und griffige Reifen, schöne Landschaften und trockene Pausen… Bikers Traum…..

Leider wird gerade bei geplanten Touren das Wetter nicht immer auf des Bikers Seite sein.
Zwischen Regen- und Sommerwetter gibt es eigentlich nur einen echten Unterschied: Die Kleidung sieht anders aus und es wird unterschiedlich schnell gefahren. Regentropfen und Schneeflocken sind kein Grund für Flüche oder schlechte Laune, sondern nur eine unabänderliche Gegebenheit, die man eben schon mal hinnehmen muss.

Ich glaube, ich hab jetzt keine dramatischen Fragen zum (Fahr)verhalten in der Gruppe ausgelassen, aber wenn Dir noch etwas einfällt, so lass es mich wissen – Platz genug für weiteres hat dieses Internetz ja 🙂